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Interview: Sebastian Lehmann |
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Das Olympiastadion ist Berlins bekannteste Sportstätte und wurde rechtzeitig zur Fußball Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr umgebaut. Verantwortlicher Architekt war Volkwin Marg, Mitbegründer des renommierten Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp), Lehrstuhlinhaber für Architektur an der RWTH Aachen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Interview beschreibt er den Zusammenhang zwischen den Wissenschaftsfeldern Architektur, Geschichte, Politik, Soziologie, Psychologie und dem Sport.  |
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Herr Marg, Ihre Aufgabe war, das Olympiastadion für die Zukunft umzubauen. Ärgert Sie, dass Sie ständig Fragen zu der Nazivergangenheit des Baus beantworten müssen?
Nein. Das sind genau die Fragen, die ich mir selbst auch stelle. Ich bin 1936 geboren, als das Stadion eröffnet wurde, und mit diesen großen Heften "Bilderbögen deutscher Architektur" aufgewachsen. Wie alle Menschen unterliege ich dem Sog archaischer Monumentalität. Und davon befreie ich mich nicht, indem ich das nicht zur Kenntnis nehme. Beim Berliner Olympiastadion habe ich das Baudenkmal und seine Geschichte akzeptiert und mich ihr gestellt.
Mit dem Stadion wollten die Nazis der ganzen Welt ihre Größe zeigen. Was ist Ihr Anliegen?
Dieses Gelände der Spiele von 1936 beschwört einen jahrtausendealten antikischen Kontext, der damals für sehr fadenscheinige politische Ziele genutzt wurde. Geschichte ist aber nicht zu bewältigen, indem man sie liquidiert oder ihre Dokumente demoliert, sondern nur, wenn man ihr etwas entgegenzusetzen weiß. Wir haben dem Stadion etwas von seiner archaischen Erdenschwere genommen und das Bewusstsein dafür geweckt, dass das Gelände des "Reichssportfeldes" zur Berliner Stadtlandschaft gehört. 
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Aber es bleibt auch nach dem Umbau manipulative Architektur.
Alle Stadien sind manipulative Orte. Die Massen machen eine Selbsterfahrung: Das Individuum schrumpft, die Massenemotion schwillt an. Das gibt es seit Jahrtausenden, seit den paramilitärischkultischen Spielen der Griechen, seit der Manipulation des Volkes im Alten Rom durch Brot und Spiele. Das war in totalitären Regimen so und das gilt auch heute im kommerzialisierten Sport.
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Wie haben Sie den Ort für den Sport umgebaut?
Der Sport braucht einen die Emotion steigernden, geschlossenen Raum, in dem sich die Masse selbst inszeniert – optisch und akustisch. Und ich glaube, dass das Olympiastadion dadurch, dass es jetzt etwas steiler, etwas tiefer, oben mit dem neuen Dach versehen ist sowie eine Lichtinszenierung in sich darstellt, dafür ideal ist. Der Bau benutzt Achse, Symmetrie, archaisch-monumentale Ausdruckskraft sehr statisch und will die formierte Masse. Was ich fantastisch finde, ist, dass das so offenbar wird. In anderen Stadien wird genau dieser Vorgang bemäntelt, hier sieht man es schon von außen.
Was macht das Olympiastadion modern?
Alle zusätzlichen neuen Funktionen bis hin zu einer unterirdischen 130-Meter-Hürdenlaufbahn sind, wie die Hälfte des Stadions, in den märkischen Sand eingegraben. Und das Stadion ist keine reine Fußball- und Unterhaltungsarena geworden, sondern tatsächlich ein Universalstadion geblieben. Berlin wollte in der ersten Liga des Sports schlechthin mitspielen – also auch in der Leichtathletik.
Der Umbau des Olympiastadions hat 242 Millionen Euro gekostet. Dafür hätte man auch neu bauen können.
Natürlich. Und das hatte man in Berlin ja auch allen Ernstes vor. In der Folge hätte die Stadt allerdings ein zusätzliches gigantisches Monument als Denkmal zu pflegen gehabt. Und der beste Denkmalschutz ist immer noch der, der durch Nutzung erhält.
Sie haben auch die neuen WM-Stadien in Köln und Frankfurt entworfen. Was reizt Architekten, ein Großstadion zu bauen?
Es sind die öffentlichsten aller Gebäude. Mehr an Öffentlichkeit in einem Stück Architektur ist gar nicht denkbar. Außerdem ist faszinierend, dass man hier tatsächlich eine Choreografie der Massen plant: Zubewegung auf das Gebäude, Füllen des Stadions, Pausenbetrieb, Leeren. Dazu die große Herausforderung, die Wechselwirkungzwischen Spiel und Publikum inszenieren zu können.
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Abbildung: Volkwin Marg (Hg.) aus "Das Olympiastadion in Berlin" |
Warum fasziniert und funktioniert Sport immer noch live? Im Fernsehen sieht man doch alles viel besser.
Wir Menschen haben seit der Trennung vom Primaten sieben Millionen Jahre Entwicklung gebraucht, aber für unsere Kultivierung nur ein paar zehntausend. Der Urgrund in uns ist sehr kreatürlich, tierisch. Wer das nicht glaubt, der möge sich beim Liebesleben beobachten oder beim Essen. Dieser Veranlagung entspreche ich im sozialen Geschehen. Der Mensch sucht die Masse, das Bad mit Gleichgesinnten, den damit verbundenen unglaublichen Machtrausch. In diesem Gemeinschaftsgefühl weggeschwemmt zu werden ist sein orgiastisches Vergnügen.
Entwickeln Sie eigentlich auch solche Gefühle? Sie schaffen zwar die Voraussetzungen für den Massenrausch, wirken selbst jedoch etwas distanziert.
In dem Moment, wo auch ich mich von der Woge eines Applauses hinreißen lasse, fängt auch bei mir die allgemeine Stimmung an, den kritischen Verstand zu überspülen. Ich kann spontan doch nicht aus meiner Haut! Aber ich lasse mich nach der ersten Überraschung nicht länger zum Objekt machen, weder von einem manipulierenden Staatswesen noch von manipulierenden Unterhaltungsunternehmern. Ich bin im Nationalsozialismus aufgewachsen. Ich erinnere noch sehr genau, wie eine Nacht lang die Bevölkerung, als Hitler Danzig besuchte, vor einem dunklen Fenster skandierte, stundenlang: "Lieber Führer, sei so nett, zeig dich mal am Fensterbrett." Diese Art von Rap-Song werde ich mein Leben lang nicht vergessen, das war sich aufschaukelnde Massenemotion. Und nach meiner DDR-Erfahrung kann ich Rhythmusklatschen nicht ertragen, so hingerissen ich auch bin. Genau diese Ambivalenz empfinde ich bei jedem Stadionbesuch.
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