Henning Harnisch, 39 ist Teammanager des Basketball –Bundesligavereins Alba Berlin. Er war Spieler („Flying Henning Harnisch“) neunmal in Folge Deutscher Meister und 1993 mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister. Nach seiner aktiven Zeit studierte er Kultur- und Filmwissenschaften in Berlin, um sich dann als Teammanager wieder dem Sport zu widmen. Die Wissenschaft hat ihn dennoch nicht ganz losgelassen; als Gastdozent hält er Vorlesungen über die „Ästhetik des Sports“ und war Mitautor und Herausgeber des Buches „Vierter“, das sich dem Thema Sport einmal aus einem anderen Blickwinkel nähert. Neben seiner vorrangigen Tätigkeit für das Bundesliga-Team liegt ihm die Nachwuchsarbeit besonders am Herzen; er hat hierfür gemeinsam mit Berliner Grundschulen ein Förderprogramm initiiert. 
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Im Interview erzählt er u.a. von seinen Erfahrungen an der Universität und wie das Studium seinen Blick auf den Sport verändert hat. 
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Herr Harnisch, ist Alba der erste große Gesamtberliner Verein?
Ich glaube nicht, dass es so etwas wie ein Gesamtberliner Gefühl gibt – die Identifikation der Leute läuft über ihren Kiez. Aber Alba ist schon der Berliner Verein, zu dem alle gehen: Es gibt diesen Wohlfühlfaktor. Basketball bei uns ist eine nette Veranstaltung. Es gibt keinen Stress, keine lauten Leute, die zu viel Bier trinken. Es kommen Alte und Junge, Leute mit verschiedenen soziokulturellen Hintergründen und aus allen Stadtteilen. Andere große Berliner Vereine haben nach wie vor entweder einen starken Bezug zu Westberlin wie Hertha BSC oder sind im Osten verankert wie der Eishockeyklub Eisbären und die Fußballer von Union Berlin.
Alba ist 1996 von West- nach Ostberlin gezogen.
Damals bin ich gerade hergekommen. Und ich habe anfangs gar nicht richtig verstanden, was es damit auf sich hat. Der Verein wurde früher von Westberlinern geführt, er hatte einen Charlottenburger Hintergrund. Von da mitten nach Prenzlauer Berg zu gehen, in den Ostteil der Stadt, das bedeutete viel mehr als den Wechsel in eine größere Halle - der eigentliche Grund des Umzugs.
Spielte es bei Ihrem Wechsel damals eine Rolle, künftig in Berlin leben zu können?
Mich hat die Stadt schon immer gereizt. Ich weiß noch aus der Raucherecke an der Schule in Marburg: Die cooleren Leute, die wollten nach Berlin. Aber mein Wechsel war eine sportliche Entscheidung. Ich war satt:
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Ihre Spielerkarriere haben Sie zwei Jahre später ziemlich überraschend beendet.
Ich hatte einfach keine Lust mehr. Ich wollte raus aus dem Sport. Dann habe ich angefangen, hier in Berlin Kultur- und Filmwissenschaften zu studieren. Ich war nicht mal sicher, ob ich das fertig machen würde. Das ist so Sportlerdenken, man ist daran gewöhnt, sich nur in beschränkten Zeiträumen Ziele zu setzen, nur von Saison zu Saison zu planen.
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Sie haben aber sechs Jahre lang durchgehalten und Ihren Magister gemacht. Hat der Sport Ihnen die nötige Disziplin für ein Studium mitgegeben?
Mir hat geholfen, dass alles, was nach dem Profisport kommt, relativ sanft ist. Als Student mal nicht zu einer Vorlesung zu gehen provoziert keinen Ärger. Andererseits fehlt die feste Größe Trainer. Man ist als Profisportler gewöhnt, dass da einer ist, der sich permanent mit dir auseinander setzt. Mein Trainer Svetislav Pesic hat mir kürzlich die Anekdote erzählt, wie ich ihn nach einem Training gefragt habe, warum er mich nicht mehr kritisiert. Er hat geantwortet, es sei einfach alles okay. Aber ich hatte das Gefühl, dass mir etwas fehlt.
Denken Sie manchmal, dass Sie vielleicht nie wieder in etwas so gut sein werden wie im Basketballspielen?
Wenn man etwas 18 Jahre lang macht, das Talent mitgebracht und das Handwerk gelernt hat – dann wird man nie mehr etwas so gut machen. Die Relation ist der Punkt: Es war mir schon im Studium klar, dass ich niemals Professor werde. Ich fand das nicht schlimm. Es ist auch aufregend, wenn man einen Text immer wieder liest und dann auf einmal etwas versteht; oder wenn man eine Hausarbeit zurückbekommt, die wohl richtig gut war.
Hat sich durch die Universität Ihr Blick auf den Sport verändert?
In der Kulturwissenschaft gibt es den Teilbereich Ästhetik, der mir am Anfang sehr fremd war. Dann habe ich angefangen, mich mit Ästhetik in Richtung Sport auseinander zu setzen. Ich habe ein Tutorium über Sport und Ästhetik organisiert, bei dem wir Sportveranstaltungen angesehen und darüber reflektiert haben. Was den Kreis schloss, war ein Sportbuch, an dem ich mit drei weiteren Herausgebern gearbeitet habe. Es heißt „Vierter“ und ist vor zwei Jahren erschienen. Uns hat interessiert, Arbeiten von Leuten zu versammeln, die keine Sportjournalisten sind und die sehr unterschiedlich über ihr Verhältnis und ihre Ideen zum Sport erzählen.
Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit als Leistungssportler zurück?
Ich neige zum Pathos. Und ich glaube, Basketball hat mein Leben schön gemacht. Als Kind war ich im Fechtverein, das war nichts für mich; dann hat mich mein Vater zum Fußballtraining gefahren, aber das fiel an diesem Tag aus; dann bin ich in eine Basketball-AG gegangen – und das fühlte sich richtig an. Gerade in den Jugendjahren, die sich ja auch kennzeichnen durch sehr viel Langeweile, war Basketball das, was immer da war. Ich habe von zwölf bis dreißig praktisch jeden Tag Basketball gespielt. Das hat das Leben sehr, sehr einfach gemacht. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich außerhalb von Basketball nie so klare, intensive Augenblicke gefunden habe. Das Spiel als Höhepunkt der Woche ist ein Kick. Es gibt auch diese Klarheit der Reaktionen: Wenn es gut läuft, klatschen die Leute, wenn es schlecht läuft, buhen sie. Diese Resonanz haben vielleicht noch Leute am Theater, aber wer sonst?
Haben Sie diese Kicks und die öffentliche Aufmerksamkeit nie vermisst?
Zu diesem Kick gehört sehr viel Alltag, der wahnsinnig anstrengt und wehtut. Deshalb war ich froh, als es vorbei war. Mit welcher Geschwindigkeit dann eine bestimmte Popularität nicht mehr da war, fand ich erstaunlich. Allerdings sind die Leute in Berlin auch ziemlich souverän im Umgang mit Semiprominenz. Die nehmen einen nur zur Kenntnis. Maximal sagen sie später: Hast du gesehen, da saß der und der? Und der andere nickt nur: Jaja und in der Ecke saß Tom Tykwer. 
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Sie haben neben dem Studium Kolumnen für die „taz“ geschrieben, Radio gemacht und einiges andere ausprobiert. Und dann sind Sie doch wieder zu Alba zurückgekehrt. Warum?
Das Einzige, was ich wirklich aus einer Innenperspektive kenne, ist Basketball. Als vor drei Jahren das Angebot passte, bin ich Teammanager geworden.
Für diesen Job hat das Studium vermutlich wenig Handwerkszeug geliefert.
Ich musste mir organisatorische Dinge aneignen, da hilft die Uni nicht. Viel anstrengender ist aber – und da hilft die Theorie auch nicht —, dass ich mich anders verhalten muss als früher, nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich. Zum Beispiel: Ich sitze zum ersten Mal im Anzug auf der Bank. Was mache ich in der Auszeit? Wo gehe ich hin? Ich weiß, dass andere mich angucken. Das muss man erst mal – wortwörtlich – verinnerlichen.
Und was macht Spaß?
Alba ist wirtschaftlich gesund und gut strukturiert. Das gibt mir Zeit, mir in Ruhe Gedanken zu machen: Wie sind wir hier in Berlin platziert? Wie stehen wir sportlich? Wie wird man mit vergleichsweise geringen Etats europäische Spitze? Gibt es Guerillataktiken, um die Großen in Europa wegzuhauen?
Die Anfangseuphorie um Alba und die neue Halle ist allerdings längst vorbei. Enttäuscht Sie das?
Die Schmeling-Halle war ein aufregender Ort und ist es immer noch. Am Anfang wollten alle mal da hin. Dieses Da-muss-man-mal-Hingehen ist hier in Berlin wichtiger als in anderen Städten.
Beim Zuschauerschnitt ist Alba in Deutschland Spitze und hat in Europa ein Platz unter den ersten zehn Vereinen.
Wie arbeiten Sie mit Ihrem ehemaligen Mitspieler Henrik Rödl zusammen, der seit zwei Jahren Cheftrainer bei Alba ist?
Henrik und ich kennen uns seit 27 Jahren. Wir haben die gleichen Etappen durch, bis auf den Unterschied, dass er auf dem College war. Wir sind sehr unterschiedlich und wir sind auch keine engen Freunde. Aber was Basketball angeht, denken wir gleich. Wir glauben beide an diesen Verein und überlegen uns zusammen, wie es jetzt weitergehen kann. Und wir haben mit Marco Baldi, dem Manager, einen wise man, der über allem wacht. Ich kann mir ganz schön vorstellen, wie das hier in den nächsten Jahren aussieht.
Nämlich wie?
Wir wollen den Kern der Mannschaft, den es schon gibt, gut ausbauen. Also sehen: Welche Spieler sind es, mit denen wir längerfristig arbeiten wollen und die das umgekehrt auch selber wollen? Im Profisport wechseln die Mannschaften so schnell ihr Gesicht: Spieler kommen und spielen relativ gut zusammen. Aber dann den nächsten Schritt zu gehen, dass sie sehr gut zusammenspielen, dazu musst du ein paar Jahre lang mit ihnen arbeiten können.
Sind Sie selbst in ein paar Jahren noch dabei?
Das wäre schön. Aber man sollte nicht an seinem Stuhl kleben. Wie gesagt, planen kann man immer nur in kleinen Zeiträumen. Die einzige Ausnahme ist die Familie, da ist Kontinuität gefragt. |