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Grenzerfahrung Weltwunder

Explodierende Kosten, verschobene Eröffnungstermine, Kompetenzgerangel und dennoch das Ziel fest vor Augen: Nicht nur die Verantwortlichen des Berliner Flughafens, auch Bauherren antiker Großbauprojekte mussten mit vielfältigen Problemen kämpfen, bevor Mega-Projekte wie der Palatin in Rom oder der „Turm“ in Babylon fertig gestellt wurden. Wissenschaftler vom Exzellenzcluster Topoi in Berlin fragen sich: Was treibt Menschen eigentlich dazu, mit extremem Aufwand derartige Monumente zu errichten?

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digitale Rekonstruktion des Palatins in Rom © Architekturreferat des Archäologischen Instituts, Lengyel Toulouse Architekten

„Topoi“ leitet sich vom griechischen „Topos“ ab und bedeutet soviel wie Raum, Ort oder Gegend. Damit eröffnet der Begriff im wahrsten Sinne des Wortes ein weites Feld für die Wissenschaft. Im Exzellenzcluster Topoi beschäftigt sich ein Forschungsverbund aus rund 200 Archäologen, Philologen, Geographen, Theologen, Historikern und weiterer Disziplinen der Altertumsforschung mit der Bedeutung, Definition und Gestaltung von Raumaspekten. Sie fragen u. a., wie Menschen ihre Umwelt formten. Gemeinsam mit Forscherkollegen aus aller Welt, die über das Fellow-Programm des Clusters einsteigen können, untersuchen den Zusammenhang von Raum und Wissen in antiken Gesellschaften. Durch die Internationalität der Arbeitsgruppen steigt nicht nur die Vielfalt im Cluster, sondern auch der Bekanntheitsgrad von Berlin als weltweit herausragendem Standort für Altertumsforschung.

Professor Michael Meyer von der Freien Universität Berlin ist gemeinsam mit Professor Gerd Graßhoff von der Humboldt-Universität zu Berlin Sprecher des Exzellenzclusters. Für ihn bietet Berlin mit seiner einzigartigen Konzentration an Altertumsexpertise in verschiedenen Forschungseinrichtungen und den zahlreichen archäologischen Sammlungen die ideale Grundlage für das Cluster, an dem neben den beiden Universitäten auch die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Deutsche Archäologische Institut, das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz beteiligt sind.

Meyer glaubt, dass durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit der verschiedenen Forschungsinstitute und Fachbereiche neue Perspektiven den Forschungsprozess bereichern; er sieht aber die Grenzen zwischen den Fächern nicht in Gefahr: „Wir wären verloren ohne die disziplinäre Expertise“, sagt er, „ein Archäologe muss sein Handwerk beherrschen und die Begrifflichkeiten kennen, erst im zweiten Schritt ist ein angemessener Austausch mit anderen Fachbereichen sinnvoll.“ Insofern kommen bei Topoi Spezialisten mit offenen Fragen zusammen, um an gemeinsamen Schnittstellen zu forschen.

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Digitale Rekonstruktion: Zentrum von Babylon am Ende der Herrschaft von Nebuchadnezzar II ca. 562 v. Chr. © Olof Pedersen

So auch bei der Cluster-Forschergruppe „XXL-Projekte der Antike“, die von Professorin Eva Cancik-Kirschbaum geleitet wird und Großbauprojekte der Antike untersucht. Cancik-Kirschbaum vom Institut für Altorientalistik der Freien Universität Berlin faszinieren neben den technischen und logistischen Problemen, die zu bewältigen waren, vor allem die Energie, die frühe Gesellschaften aufbrachten, um monumentale Bauten zu erschaffen.

Die Wissenschaftlerin untersucht gemeinsam mit Kollegen, die sich mit jeweils unterschiedlichen Mega-Projekten in verschiedenen Kulturen und Zeiträumen beschäftigen, die Gründe, warum Gesellschaften mit viel Aufwand solche Mega-Projekte realisierten. Sie erklärt, dass die Begriffe "Prestigedenken" und "Größenwahn" als Antwort zu kurz greifen würden. Ein wichtiger Faktor scheine hingegen die "Selbstvergewisserung" oder ein gemeinsames Wir-Gefühl zu sein. Solche Mega-Artefakte seien eben auch „Schaufenster“ der Leistungs- und Innovationsfähigkeit gewesen, bei denen neuartige Bauverfahren erprobt wurden. Deshalb gibt es auch eine ganze Reihe von "Weißen Elefanten": gescheiterte Projekte, die für Cancik-Kirschbaum genauso wichtig sind wie diejenigen, die auf Anhieb gelangen.

Spätestens seit der mehrfach verschobenen Eröffnung des Berliner Flughafens ist klar, wie schwierig es auch heutzutage zu sein scheint, überdimensionale Projekte innerhalb eines festen Zeit- und Budgetplans fertig zu stellen. Doch lassen sich die Gründe des Scheiterns von damals und heute vergleichen? Für die Professorin gibt es tatsächlich Parallelen: Probleme mit Material und Konstruktion, unvorhergesehene Schwierigkeiten, fehlende Zulieferung, Kompetenzgerangel, Sabotageakte oder Änderungswünsche des Auftraggebers während des Bauvorhabens waren zu allen Zeiten Gründe für Verzögerungen oder das Scheitern. Kamen die Bauarbeiten nur unzureichend voran, wurden die Bauleiter heute wie damals abgesetzt.

Trotzdem gibt es Unterschiede: Antike Herrscher konnten bei steigenden Kosten stets Ressourcen nachschießen ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Außerdem stand bei Bauprojekten im Altertum der religiöse Aspekt sehr viel stärker im Vordergrund: Der enorme Aufwand konnte mit göttlichem Auftrag legitimiert werden oder die Begründung für das Scheitern – wie der biblischen Geschichte des Turmbaus zu Babel – war die Strafe Gottes.

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