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Günter Faltin

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Porträt von Prof. Dr. Günter Faltin

Prof. Dr.

Günter Faltin

Leiter des Arbeitsbereichs Entrepreneurship der Freien Universität Berlin
(Foto: Günter Faltin)

Ökonomie begeisterte Günter Faltin bereits als Schüler. Doch während des Studiums bekam seine Begeisterung erst einmal einen Dämpfer: Ökonomie erwies sich als trocken und langweilig. Als Günter Faltin 1977 den Ruf als Professor an die Freie Universität Berlin erhielt, schwor er sich, es anders zu machen – und lehrte Ökonomie am Beispiel seiner eigenen Unternehmens- gründung. Heraus kam die Projektwerkstatt GmbH mit der überaus erfolgreichen Teekampagne. Im Interview spricht Prof. Faltin über gute Gründungsideen, Trüffelschweine und darüber, warum Berlin die Gründerstadt Deutschlands werden könnte.

 

Herr Prof. Faltin, was ist das Rezept, um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden?

Günter Faltin: Früher war klar: Man braucht zum Gründen viel Kapital. Heute brauchen Gründer vor allem die Ressource Kreativität.

 

Aber ganz ohne kaufmännische Qualitäten kommt ein Gründer doch am Ende nicht aus, oder?

G.F.: Jedes Unternehmen braucht hohe kaufmännische Kompetenz. Die Frage ist aber, ob der Gründer selbst diese Qualifikation mitbringen muss. Ich halte nichts davon, aus Forschern gute Kaufleute machen zu wollen. Besser ist es, sie holen sich die Professionalität direkt in ihr Team oder sie gründen mit Komponenten, d.h. sie kaufen sich Dienstleistungen von außen ein. Büro- service oder Logistik sind Beispiele für solche Komponenten.

 

Sie sagen, ein Gründer braucht die Ressource Kreativität. Was ist mit Erfindungen und Patenten?

G.F.: Forschungsergebnisse und Patente sind Rohstoffe, aus denen ich etwas machen muss. Nur mit dem Patent allein kann ich selten an den Markt gehen. Ich brauche dazu erst einmal ein innovatives Konzept, das so genannte Entrepreneurial Design. Die Logik von Forschung und die Logik des Marktes sind grundverschieden. Ein Wissenschaftler kann den Nobelpreis für sein Forschungsergebnis bekommen haben. Ob er damit Erfolg am Markt hat, ist eine völlig andere Frage. Die Lücke muss ein kreativer Kopf schließen, der es versteht, aus dem Patent ein marktfähiges Produkt zu denken. Der erkennt, ja erspürt, was als Marktchance in einem Patent steckt. Ein Trüffelschwein quasi. Das ist es, was den Entrepreneur ausmacht.

 

Was macht eine Gründungsidee aus, die Sie unterstützen würden?

G.F.: Eine gute Idee füllt die Lücke, von der ich eben sprach. An dieser Idee muss der Gründer so lange arbeiten, bis sie am Markt tragfähig ist und klar erkennbare Marktvorteile mitbringt. Übrigens sollte ein gutes Konzept immer auf mehr als nur einem einzigen Bein stehen.

 

Was meinen Sie damit?

G.F.: Nehmen Sie zum Beispiel mein erstes Unternehmen, die Teekampagne. Die Teekampagne steht auf vielen Beinen: Wir machen den besseren Preis als andere, wir testen den Tee auf chemische Rückstände, wir treten für fairen Handel ein, wir sind transparenter als andere. Wenn das Konzept auf mehreren Beinen steht, macht das das Unternehmen weniger anfällig.

 

Sie sagen, das Prinzip der Teekampagne  heißt „Funktion statt Konvention“. Was bedeutet das?

G.F.: Die Konvention sagt zum Beispiel: Ein Teeladen hat viele verschiedene Sorten  zu führen, und das in kleinen 100g-Packungen. Die Konvention kann man nun schälen wie eine Zwiebel, bis nur noch die Funktion bleibt. Warum sollte man Tee nicht auch in Großpackungen verkaufen? Warum sollte es nicht reichen, nur eine Teesorte zu haben, dafür aber die beste der Welt? Und braucht es wirklich einen Laden? Am Ende steht dann nur noch die Frage: Wie bekomme ich den Tee von der Plantage in Indien zum Kunden? Das ist die Funktion. Und dazu brauchen Sie im Kern eigentlich nur ein Logistik-unternehmen als Komponente.

 

Sie leben und arbeiten seit vielen Jahren in Berlin. Was schätzen Sie an der Stadt?

G.F.: Berlin hat eine gewisse Unruhe, Unruhe im Sinne von Energie, die sich gut für unkonventionelles Denken eignet. Es gibt eine kulturelle Szene, eher eine Offszene, die sehr ideenreich ist. Sich in einem solchen Umfeld zu bewegen, hilft, neue Sichtweisen zu entdecken.

 

Und ist Berlin eine Gründerstadt?

G.F.: Noch nicht – aber Berlin könnte die Gründerstadt Deutschlands werden. Die Stadt hat großes Potenzial, das noch lange nicht ausgeschöpft ist. Wir haben in Berlin eine einzigartige Dichte von Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur. Daraus müsste es gelingen, so etwas wie einen Medici-Effekt zu nutzen. Zur Blütezeit der Medicis im 15. Jahrhundert sind in Florenz in einem relativ kurzen Zeitraum eine ganze Reihe bahnbrechender Innovationen entstanden. Man geht davon aus, dass das Zusammentreffen von vielen kreativen Menschen aus den unterschiedlichsten Disziplinen diese Entwicklung begünstigt hat.

 

Die Kunst sollte einbezogen werden?

G.F.: Ich glaube, kreativ denkende Menschen sind die besseren Trüffel- schweine. Der Entrepreneur ist heute dem Künstler näher als dem Manager. Nur 15 bis 20 Prozent aller Gründungen basieren auf. Hightech-Entwicklungen. Der Rest sind so genannte konzept-kreative Gründungen, bei denen ein Ideenkonzept im Vordergrund steht. Oft setzt sich ein solches Konzept zusammen aus Teilen, die es bereits gibt, die  neu durchdacht und neu kombiniert werden. Facebook oder Skype sind Beispiele dafür.

 

Welche Vorteile bietet Berlin einem Gründer?

G.F.: Berlin ist toleranter, ideenreicher, kunstbezogener als andere Städte. Auch die Vielfalt und Dichte von Wissenschaft ist von Vorteil. Das Entscheidende aber ist die Interdisziplinarität im weitesten Sinne. Es kommt darauf an, über die Grenzen seiner eigenen Disziplin hinauszugehen. Denn Innovationen entstehen meist nicht in der Mitte einer Disziplin, sondern an ihren Rändern – aus der Reibung mit anderen Disziplinen. Das passiert in Berlin noch viel zu wenig.

 

Über Günter Faltin:

Prof. Dr. Günter Faltin leitet den Arbeitsbereich Entrepreneurship der Freien Universität Berlin. 1985 gründete er die Projektwerkstatt GmbH mit der Idee der „Teekampagne”. Das Unternehmen ist Marktführer im Teeversand in Deutschland und weltgrößter Importeur von Darjeeling Tee.Faltin initiierte das Labor für Entrepreneurship und ist Business Angel erfolgreicher Start-Ups, darunter der eBuero AG, der Direkt zur Kanzlerin GmbH und der RatioDrink AG.Im Jahr 2001 errichtete er die Stiftung Entrepreneurship mit dem Ziel,eine offenere Kultur des Unternehmerischen zu fördern. 2009 erhielt Faltin den Deutschen Gründerpreis für sein Unternehmen Projektwerkstatt. Als „Pionier des Entrepreneurship-Gedankens in Deutschland“ zeichnete ihn Bundes- präsident Christian Wulff 2010 mit dem Bundesverdienstkreuz aus.

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