Prof. Dr.
Jan-Hendrik Olbertz
Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin
(Foto: Matthias Heyde)

Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin
(Foto: Matthias Heyde)
Er ist der Neue an der Spitze der Humboldt-Universität zu Berlin: Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz tritt am 18. Oktober 2010 die Nachfolge von Prof. Dr. Christoph Markschies als Präsident der Traditionsuniversität an. Im Interview spricht er über das Paradox in der Lehre, die Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft und die Vorzüge des Standorts Berlin.
Die Humboldt-Universität selbst hat mich angezogen. Sie ist der Prototyp einer modernen Universität mit ihren drei Stützpfeilern: Bildung durch Wissenschaft, Einheit von Forschung und Lehre und akademische Forschungs-, Lehr- und Lernfreiheit. Die Humboldt’sche Idee ist bis heute gültig, sie steht seit 200 Jahren in einem fortwährenden Spannungsverhältnis zur akademischen Wirklichkeit. Das macht die Sache so interessant. Ich bin dieser Universität erlegen.
Wir haben ein breites Fächerspektrum und dabei eine gute Balance zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Außerdem ist die Universität personell gut aufgestellt. Es gibt große Namen im Kollegium, und diesen Standard müssen wir unbedingt halten. Dazu kommt, dass die Humboldt-Universität im Zentrum einer Wissenschafts- und Kulturmetropole allerersten Ranges liegt.
Berlin hat eine vitale Forschungslandschaft und eine beeindruckende Dichte von universitären und außeruniversitären Instituten. Hier steckt riesiges Entwicklungspotential, wenn wir die Einrichtungen weiter verknüpfen. An dieser Vernetzung habe ich großes Interesse.
Wir müssen die Attraktivität des Standortes mit neuen Ideen entwickeln, und ich glaube, dass die Humboldt-Universität dabei eine Schlüsselrolle einnehmen kann. Jede Wissenschaftseinrichtung muss ihr Profil weiter schärfen, gleichzeitig sind aber Kooperationen und Vernetzung untereinander ein absolutes Muss. Das fängt schon bei so praktischen Dingen wie der gemeinsamen Nutzung der Infrastruktur an, von Bibliotheken und Laboren beispielsweise.
Die Ideen und Innovationen in der Wissenschaft kommen heute nicht mehr aus dem Mittelpunkt jeweiliger Fächer, sondern entstehen an den Schnittstellen und Übergängen zwischen den Fächern. Die Forschung wird in immer stärkerem Maße interdisziplinär, die Wissenschaft organisiert sich um Fragestellungen und Themen herum. Der Lehrbetrieb findet dagegen in eher strengen Fächerbezügen statt. Aus Gründen der Lehrsystematik muss das auch so bleiben. Wer Fächergrenzen überschreiten will, muss zunächst lernen, wie man welche zieht, denn Interdisziplinarität baut auf disziplinäre Kompetenzen. Aber wie lassen sich fächerübergreifende Denk- und Arbeitsweisen im Studium erlernen? Wie lösen wir diesen Konflikt in der Lehre auf? Ich habe noch keine Lösung dafür, aber das ist etwas, worüber ich viel nachdenke.
Da gibt es drei. Zum einen ist die Verbundforschung auszubauen. Sprich, die universitäre und die außeruniversitäre Forschung sind stärker miteinander zu verknüpfen. Zum anderen müssen wir noch stärker Schwerpunkte bilden und unser Forschungsprofil schärfen. Das gilt nicht nur für uns, sondern für alle drei Berliner Universitäten. Drittens schließlich ist Vernetzung gefragt, zunächst untereinander, aber auch mit der Gesellschaft insgesamt und mit Partnern aus der Wirtschaft.
Zum Beispiel in unseren beiden Integrativen Forschungsinstituten, dem Center for Integrative Life Sciences in Berlin Mitte und dem Integrative Research Institute for the Sciences in Adlershof. Dort arbeiten wir sehr eng mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und mit Unternehmen zusammen. In Adlershof sind außerdem einige der Spin-Offs angesiedelt, die von der Humboldt-Innovation GmbH unterstützt werden. Man kann sagen, wir betreiben dort als Universität schon recht erfolgreich auch Wirtschaftsförderung.
Gerade im Zusammenhang mit der Wissenschaftskooperation im Berliner Raum sehe ich noch beträchtliche Potenziale. Zum Beispiel in der Pharmaforschung. Da könnten Humboldt-Universität, Freie Universität und Charité eng kooperieren und mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Überhaupt brauchen wir mehr Kooperationen mit der Unternehmensforschung. Hier ist die Humboldt-Universität ein starker, unabhängiger Partner. Es können Projekte gemeinsam entwickelt, Laborkapazitäten gemeinsam genutzt und der Transfer von Wissen in die Praxis beschleunigt werden. Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Wirtschaft junge Akademiker stärker fördert. Ich denke da zum Beispiel an Praktika, Stipendien und das Engagement von Stiftungen zur Förderung von Forschung und Lehre.
Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. habil. Jan-Hendrik Olbertz habilitierte 1989 mit der Arbeit „Akademisches Ethos und Hochschulpädagogik – eine Studie zu interdisziplinären theoretischen Grundlagen der moralischen Erziehung an der Hochschule“. 1992 folgte Olbertz dem Ruf an die Universität Halle-Wittenberg als Professor für Erziehungswissenschaft. Von 2002 bis Juni 2010 war er Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt. Seit 2005 ist Prof. Olbertz Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Am 18. Oktober 2010 übernimmt er das Amt des Präsidenten der Humboldt-Universität zu Berlin.
Jan-Hendrik Olbertz finden Sie auch im Who's Who der Wissenschaft in Berlin.
Erhalten Sie einen umfassenden Überblick über die Berliner Wissenschaftslandschaft.

Die Humboldt-Universität gilt als „Mutter aller modernen Universitäten". Ausfürhliche Informationen zu der traditionsreichen Hochschule finden Sie auf der Internetseite der HU Berlin.